Fritz Hagl © 2012

FRITZ HAGL Maler 1928 - 2002

DIE GEBURT DES FEUERVOGELS

Von Henky Hentschel


Liebe Nicole!

Du wirst Dich erinnern. Alles fing f?r mich damit an, dass Karl Berger in Heidelberg dieses ?Sommerstudio f?r musikalische Improvisation? veranstaltete. Ich drehte einen Film dar?ber und fuhr zum Schnitt nach M?nchen. Eines Tages stand Karl mit einigen hochkar?tigen Jazzern hinter mir, und alle schauten sich an, was ich bisher zu Stande gebracht hatte. Sie waren auf dem Weg nach Elba, um dort bei Euch Ferien zu machen und in Portoferraio ein Konzert zu geben. Sie ?u?erten sich beif?llig ?ber meine Arbeit und fuhren weiter gen S?den. Und bis dahin hatte alles noch seine Richtigkeit. Ich arbeitete noch zwei Wochen weiter, und dann mischte sich die Magie ein. Zu dem Job des Filmeschneidens geh?rt es, eine Schnittliste zu f?hren. Das tat ich mit Hilfe eines kleinen B?chleins. Am 25 August schlug ich eine neue Seite auf und fand eine Notiz von Karl: 27 August um zwanzig Uhr Konzert in Portoferraio, komm runter!

Es war die Zeit der psychedelischen Drogen, und man hatte das ?Sich-Wundern? l?ngst eingestellt. Die Beatles sangen ? Lucy in the Sky with Diamonds? , Pink Floyd machten sich auf den Krieg gegen Descartes zu gewinnen. Die Frage, wie es Karl Berger gelungen war, seinen Ruf exakt auf der richtigen Seite ert?nen zu lassen, h?tten Spie?er mit ?Zufall? abgetan. F?r mich gab es keinen Zweifel: nicht Karl hatte mich gerufen, sondern die unsichtbaren M?chte, die die Schicksale weben. Karl war nichts weiter als ihr Handlanger, was allerdings bewies dass Er mit ihnen in Verbindung stand. Am n?chsten Tag schloss ich den Schneideraum ab, und wir fuhren los ? Axel Jamm ? der mir assistierte, sein abgehalfterter 2CV und ich. P?nktlich zum Konzert legte die F?hre in Portoferraio an.

Wie sich sp?ter herausstellte, hat diese Reise mein Leben in andere Bahnen gelenkt. Die Tage, die ich damals bei Euch verbrachte, haben mich gelehrt anders mit der Zeit umzugehen. Ich empfand f?r mich v?llig neue Energien. Ich lernte das Schoene zu sehen. Ich lernte, dass man wie Fritz aus einem Leben ein Kunstwerk machen kann. Ich lernte so vieles?

Da war das Meer, der Duft der Eukalyptusb?ume, die Architektur mit der Fritz den Menschen mit der Natur vers?hnte, die Musik, die alles und alle wie mit einem feinen Band zusammenhielt, das Licht und die Schatten, die Bilder im Atelier, die Muse zwischen den Musen, die gebratenen Fische, die einem in den Mund schwammen, der Wein von Galletti.

Ich fuhr zur?ck, machte den Film fertig, verkaufte ihn und f?hlte mich wie neu. Und dennoch hatte ich noch nicht den Schimmer einer Ahnung davon, dass diese Insel mich vierzehn Jahre meines Lebens festhalten w?rde, die Insel und Ihr, Eure Familie.

In Deutschland versuchten die Baader-Meinhof Gruppe und ?revolution?re? Psychoclubs wie die Hydra eine unm?gliche Revolution anzuzetteln. Cylla steckte bis ?ber beide Ohren in der Hydra, und wir lebten in deren Gro? kommune. Cylla stimmte immerhin zu, eine Lederwerkstatt aufzumachen. Die anderen lebten vom Geld des Staates, den sie zerschlagen wollten. Wir lernten Taschen und Hosen und Jacken zu schneidern. Im Februar verkauften wir Sachen im Wert von 20 Mark. Im Oktober betrug der Umsatz 8.000 Mark. Es gab zwei m?gliche L?sungen: man konnte den Betrieb anmelden und eine angestellte suchen, man konnte den Betrieb aber auch schlie?en. Wir beschlossen zuzumachen und ?ber Afrika und S?damerika nach Kanada zu fahren. Wir packten unser Leder und das Werkzeug in eine Kiste und fuhren los. Erste Station sollte Elba sein. Fritz gab uns das eine der beiden H?uschen umsonst, so, als seien wir seit Jahren befreundet. Wir zogen ein, und fingen an zu n?hen, diesmal mit der Hand. Abends sa?en wir mit Euch zusammen. Abends spielten wir Canasta. Abends schauten wir die Nachrichten im Fernsehen an.

Im Vorderen Orient kriselte es. Der Nachrichtensprecher erkl?rte, es k?nne zum Einsatz von Atomwaffen kommen. Fritz schlug vor, den Fernseher abzuschalten. Niemand hatte etwas dagegen. Soweit hatten wir unsere Standpunkte und Sichtweisen angen?hert, dass wir ganz selbstverst?ndlich und gemeinsam davon ausgingen, dass die Probleme des Vorderen Orients nicht unsere waren. Fritz hatte zu malen, Cylla und ich hatten zu schneidern. Die Atombomben im Vorderen Orient w?rden keine Gelegenheit bekommen, uns von unserer jeweiligen Arbeit abzuhalten.

Dann hast Du, Nicole, uns das H?uschen gezeigt, die Concia. Wir mieteten es. Der Besitzer war ein Metzger im Dorf. Ein Freak aus Turin war der Vormieter. Er war eine Weile verschwunden, hatte aber versprochen, am 1. M?rz auszuziehen ? sp?testens. Als er nicht kam, brach ich die T?r auf und schaffte den ganzen Kram des Turiners aus dem Haus. Fritz war emp?rt. Seine Liebe zu den Menschen lies Schritte wie diese nicht zu. Ich schaffte die H?lfte des Plunders wieder ins Haus.

Unterhalb des H?uschens hatte es einen Orangengarten. Die B?ume waren unter Brombeerranken verschwunden. Wir schnitten die Brombeeren ab und legten einen Komposthaufen an. Mit dem Kompost war nicht viel anzufangen, denn wir hatten keinen Mist. Fritz schenkte uns ein Zwerghuhn das br?ten konnte, und wir kauften einen gro?en Gockel. Der Gockel besorgte dem Zwerghuhn t?glich. Wir bauten einen verschlag , und die Zwergin br?tete Ihre Eier aus. Die so entstandene Generation von H?hnern war doppelt so gro? wie die Mutter und halb so gro? wie der Vater, aber sie br?tete. Ein Grundstein war gelegt.

Wir sprachen mit Fritz ?ber Mangel an Mist. Er verstand eigentlich wie immer. Zu meinem Geburtstag f?hrte er eine Ziege auf die Concia. Jetzt hatten wir Mist, aber wir mussten einen Stall bauen. Als der Stall fertig war, wurde mir klar, dass meine Chance, nach Toronto zu kommen, inzwischen zu einem Traum geworden war. Ich hatte zu viele Wurzeln auf Elba geschlagen. Tats?chlich sollten vierzehn Jahre vergehen, bis ich mich entschied, die Concia zu verlassen und in die Karibik zu gehen ? der Frauen wegen.

Noch heute, mit 62 Jahren, ist mein K?rper stark und erkrankt so gut wie nie. Das habe ich Dir, Nicole, und Fritz zu verdanken. Ihr habt mit dem Geschenk der Ziege daf?r gesorgt, dass ich tats?chlich viele Stunden harter Arbeit darauf verwendete, aus der Concia etwas zu machen.

Diese vierzehn Jahre Arbeit haben mich heute unangreifbar f?r Krankheiten gemacht. Nach wie vor zehrt mein K?rper von dieser Etappe meines Lebens.

Ich machte aus der Concia den ersten biologischen Bauernhof der Insel, vielleicht sogar Italiens. Die Leute aus dem Dorf lachten ?ber mich. Meine Tomaten waren am Anfang nicht einmal halb so gro? wie Ihre.

Aber die Eier, die meine H?hner legten, schmeckten nicht nur besser, als die aus den Legebatterien, sie leisteten au?erdem auch einen Beitrag zur Weiterentwicklung der sch?nen K?nste auf Elba: Fritz war mein einziger Kunde, der sie nicht kaufte, um sie aufzuessen, sondern um sie zur Herstellung seiner Tempera zu benutzen. Mit den Eiern der anderen war es offenbar schwerer, eine Farbe zusammenzumischen. Manchmal sa?en wir im Atelier, h?rten Jazz, und ich versuchte diesen unbeschreiblichen Bildern Titel zu geben. Eines Nachmittags hockte ich zwei Stunden vor einem goldroten Gem?lde, dann kam es mir:? Die Geburt des Feuervogels? hie? das Bild von Stund an.

Einer kam aus Amerika, um euch zu besuchen. Er war Astrologe und hatte es da dr?ben zu einem Schloss gebracht, denn so erf?llte er die Voraussage seines eigenen Horoskops. Ihr habt ihn gebeten und gedr?ngt, mein Horoskop zu erstellen. Dabei kam heraus dass ich keineswegs ein Bauer sei, sondern ein Mensch der schreiben, ver?ffentlichen und lehren muss. Ich erkl?rte den Mann f?r unzust?ndig und die Astrologie zu einem Aberglauben. Heute wei? ich, dass der Mann Recht hatte, auch wenn ich immer noch auf meinem Balkon hier in Havanna Tomaten z?chte.

Zum letzten Mal haben wir uns gesehen, als ich aus Guatemala kam, um die Endfassung von ?Jaja?s Klau? zu schreiben. In Dominiques Zimmer hatte ich ideale Voraussetzungen, und das Buch wurde so, wie der Ort war, an dem ich es beendete. Und Fritz war noch immer der Mann, an dem ich mich selber ma?, und erneut feststellte, dass ich noch ziemlich klein war.

Havanna, Januar 2003