Lieber Fritz,
Du fragst mich, was ich von Deiner Absicht halte, nach einem Leben des Verzichts auf jegliche Form von publizistischer Selbstdarstellung Deine Bilder zu fotografieren und in einer Art Oeuvre Katalog zusammenzufassen. Ich frage mich nun: was waren Deine Motive und was der Grund dieser Motivation? 1960 bist Du nach Elba gegangen und hast ?Dein? Haus gebaut - fast ohne fremde Hilfe. Kaum war es fertig, da hast Du zwei G?steh?user gebaut ? auf die gleiche Weise. Du wu?test also von Anfang an, da? Du Dich isolieren wolltest in einer Umgebung Deiner Wahl, und Du wu?test, da? Du die ?Welt? einladen w?rdest, Dein Gast zu sein, nicht umgekehrt. Auf dieser Klarheit Deiner Wahl Bedingungen war dann Dein bewu?tes Leben aufgebaut. Diese Entscheidung und Entschiedenheit ist ? so denke ich ? aber nicht aus individueller Disposition zu verstehen, sondern mu? auf dem historischen Hintergrund gesehen werden: unsere Generation, die um 1930 Geborenen, kam aus der Dunkelheit und einem chaotischen ?Nirgendwo?. Schlimmer noch: dieses ?Nichts?, die grauenhafte Hitlerei, hatte uns nicht nur von allem isoliert und uns alles vorenthalten, sie hatte uns auch grausam befleckt. Dann die L?hmung der Nachkriegsjahre w?hrend unserer Adoleszens, der Hunger, der Mangel an geistigem Leben: keine Lehrer. Wie findet man sich da zurecht, wie findet man so zu sich selbst?
Du hast sehr fr?h und in gro?em Vertrauen auf Deine Kr?fte klar entschieden: durch selbst?ndiges, unbeeinflu?tes, kontinuierliches und ruhiges Denken, in den eigenen Grund hineinhorchend und die Welt befragend; in Deinem Fall: das gro?e Panorama einer unendlichen, mittelmeerisch gepr?gten Natur. Das hast Du unangefochten und ungest?rt von der l?rmenden und immer gro?artiger aufbebenden Welt der Metropolen getan. Im Angesicht einer ?gro?en? Natur, vor einem weiten Horizont und der Spiegelungen azurner R?ume stand Deine Staffelei auf den Klippen dieser unendlichen Insel, und Du begannst ? auf Deine Weise ? sie zu vermessen.
Als um 1970 die neuen gesellschaftlichen Ideen und individuellen Heilswege sich ?berallhin verzweigten, pr?gten sie auch der Insel ihre Spuren auf.
Wie Haschischrauch lagen jene Utopien ?ber den Diskutierenden und ?bten ihren Bann aus. Du warst der Fels, um den herum diese wilden Wasser in den Sommern strudelten, ehe sie im Herbst wieder in den Norden abliefen, nicht ohne Opfer zu fordern und ungutes Strandgut zur?ck zu lassen. Deine Ankerseile hielten. Deine Burg, die aus Deinem Haus, Deinem Garten, Deiner Malerei und dem Willen zu Einfachhheit, Geradheit und Verl??lichkeit gebaut war, widerstand dem Ansturm des Zeitgeistes. Unbeirrbar bist Du bei Dir und Deinen Vors?tzen geblieben und hast dadurch ein bemerkenswertes Beispiel gegen alle Verlockungen, Einreden und Versuchungen der Zeit gesetzt. Dein Ort war und blieb Elba.
Auf den Bildern, die Du maltest, sah man zunehmend nicht nur essentielle Abstraktionen einer reichen morphologischen Naturschau, sondern Manifestationen innerer Zust?nde und seelischer Befindlichkeiten, die fesselten. Von den Menschen, die Dich besuchten oder zu Gast waren, gab es viele, die nicht nur von Deiner Art, dem Leben gegen?berzutreten, beeindruckt waren, sondern zunehmend auch von diesen Bildern. Durch Verk?ufe konntest Du Dein unabh?ngiges, freies Leben leben; deren Anerkennung und Bewunderung war Dir genug, um Deinen Weg unbeirrt weiterzuverfolgen: f?r den Maler hie? das, sich nur dem eigenen, nicht dem Gesetz eines ?Marktes? zu unterwerfen; im Kontext zur Natur zu verharren und sich nicht in die eigenen Signets zu verirren. Das alles hast Du in gro?er Klarheit entschieden und ohne Kompromisse getan. Als Protokoll Deiner Reflexionen liegt ein Oeuvre vor, in dem sich die M?hen des Lebens in Kunst verwandelt haben. Auf den Bildern sind diese Prozesse als unabh?ngige Formentsprechung sichtbar geworden, die die Sinnenreize einer konkreten landschaftlichen Situation in ein Beispiel f?r ?Natur? im umfassenden Sinn umpr?gen. Einer Natur, die nicht von au?en angeschaut, sondern von ihrer konstituierenden Macht, ihren erschaffenden Kr?ften her aufgefa?t ist.
Fritz Hagl mit M?we bei Calamita.
Diese Kr?fte, die im Spiel der Erscheinungen eine so wohlt?tige und ergreifende Wirkung auf uns aus?ben, sind durch malerische Gestaltungsprozesse gebannt, die jenen korrespondieren und jenseits simpler Abbildhaftigkeit die Erschaffung der Natur von innen her zeigen: ihr Werden aus der Form. Und da Einsicht in den Naturzusammenhang sich in der Malerei immer in der Handhabung der Mittel zeigt, also Technik, so findet die altmeisterliche Mischtechnik aus Temperauntermalung und Lasur unter der abschlie?enden Firnisschicht eine logische und ganz selbst?ndige Fortf?hrung in den Oberfl?chen dieser Bilder.
Wie unabh?ngig von aller Zeitgenossenschaft diese malerische Form herausgearbeitet ist, zeigt die Tatsache, da? diese Welt nicht wie von au?en modelliert, sondern durch vulkanische Kr?fte aus gro?en Tiefen emporgeschleudert, nicht ins Licht gestellt, sondern aus Licht erschaffen wirkt.
Die Freude, die man beim Anschauen empfindet, ist nicht so sehr die Freude des Auges am Schein, sondern eine Freude des Geistes und der Einsicht in ein Sein, das wahr, m?chtig und sch?n ist.
Es ist v?llig einleuchtend, da? Du diesen Weltentwurf nun als Beitrag zur geistigen Zeitbestimmung zusammenfassen und vorlegen willst.
Ich sehe darin weder einen Treuebruch noch ein Abweichen vom Weg; sondern in meinen Augen findet die Struktur Deines Lebens dadurch ihre logische, abschlie?ende Form und was Dich umgetrieben hat ? ein gutes Ende.
Ich begl?ckw?nsche Dich von Herzen
Berlin, November 2002 Klaus Hohlfeld (Maler)